Meinung
Glaubt wirklich jemand, dass wir das gegeneinander schaffen?
Eine Meinung: Warum Denken, Mitgefühl, Demokratie und Zusammenarbeit über Grenzen zusammenhängen. Und warum KI dabei Prüfung und Chance zugleich ist.

Dieser Text ist eine Meinung. Er enthält Wünsche, die utopisch klingen. Manche halte ich selbst für kaum erreichbar. Ich schreibe sie trotzdem auf, weil ich glaube, dass wir sie aussprechen müssen.
Wenn ich auf die Probleme in unserer Gesellschaft schaue, sehe ich keinen einzelnen Fehler. Ich sehe einen Knoten. Bildung, Mitgefühl, Demokratie und unser Umgang mit der Welt hängen aneinander. Zieht man an einem Faden, bewegen sich die anderen mit. Und mitten durch diesen Knoten läuft eine neue Kraft: künstliche Intelligenz.
Kritisch denken lässt sich lernen
Für mich beginnt dieser Knoten mit einer Frage: Wie gut haben wir gelernt, Behauptungen zu prüfen, bevor wir sie glauben oder weitertragen?
Meine Vermutung: Ein wesentlicher Grund für unsere gesellschaftlichen Probleme liegt darin, dass viele von uns kritisches Denken und Quellenkritik in der Schule zu wenig gelernt und auch später zu selten geübt haben. Dazu gehört, Belege von Behauptungen zu unterscheiden, die Herkunft einer Information zu prüfen und Gegenargumente ernst zu nehmen. Gerade populistische Botschaften, die einfache Schuldige und klare Feindbilder anbieten, sollten uns zu solchen Fragen bringen.
Ein Indiz für den aktuellen Bildungsstand in Deutschland liefert PISA, der internationale Schulvergleich für 15-Jährige. Die im September 2026 veröffentlichten Ergebnisse von PISA 2025 sind für Deutschland ein Schock: In Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften sind es die niedrigsten Werte, die PISA in Deutschland je gemessen hat. Seit 2015 ist der Anteil der Jugendlichen, die nicht einmal das Grundniveau erreichen, in Mathematik um 17 und im Lesen um 15 Prozentpunkte gestiegen. Und wie gut Jugendliche in der Schule abschneiden, hängt in Deutschland stärker mit der sozialen Lage ihrer Familie zusammen als im OECD-Durchschnitt – also mit der Bildung der Eltern und den verfügbaren Ressourcen. OECD: PISA 2025, Ländernotiz Deutschland
Die Pandemie erklärt das nicht allein, der Abwärtstrend zieht sich laut OECD über das ganze vergangene Jahrzehnt. PISA misst nicht direkt, ob jemand kritisch denken kann, und beweist meine Vermutung deshalb nicht. Die Zahlen zeigen aber, dass vielen Jugendlichen die Grundlagen fehlen. Und ohne Grundlagen fällt kritisches Denken schwer.
Mit KI wird es kaum noch nötig sein, Fachwissen auswendig zu lernen. Grundlagen brauchen wir trotzdem. Wer über ein Thema nichts weiß, kann auch keine Antwort dazu prüfen, auch nicht die Antwort einer KI. Wissen ist das Werkzeug, mit dem wir merken, dass etwas nicht stimmt.
Die Frage stellt sich schon heute: Die Hälfte der 15-Jährigen in Deutschland nutzt laut PISA mindestens einmal pro Woche KI-Chatbots beim Lernen. In einem Experiment mit fast tausend Schülerinnen und Schülern lösten Jugendliche mit freiem Zugang zu ChatGPT ihre Matheübungen besser. In der Prüfung ohne KI schnitten sie danach aber schlechter ab als Jugendliche, die nie Zugang hatten. Eine KI, die nur Hinweise statt fertiger Lösungen gab, milderte diesen Nachteil weitgehend. Bastani u. a., 2025 Ohne Leitplanken kann KI das Lernen also schwächen.
Die entscheidende Frage ist deshalb, wie wir solche Werkzeuge nutzen, ohne das eigene Denken auszulagern. Dazu gehört, Prüfen, Widersprechen und Begründen bewusst zu üben. Beim kritischen Denken gibt es dafür ermutigende Befunde.
Eine große Auswertung von 341 Vergleichen aus Experimenten in Schule und Studium fand einen klaren, im Schnitt eher kleinen Effekt, in allen Fächern und Altersstufen. Besonders geholfen haben Gespräche und Diskussionen, echte Probleme statt künstlicher Aufgaben und Lehrende, die begleiten. Abrami u. a., 2015
Schule sollte deshalb mehr diskutieren lassen und an echten Fällen üben. Dazu gehören ein paar einfache Fragen: Wer sagt das? Woher weiß diese Person das? Was spricht dagegen? Und wann sollte ich besonders vorsichtig sein, weil mir eine Nachricht verdächtig gut ins Bild passt?
Social Media macht das schwerer. Es ist nicht die einzige Ursache, aber es verstärkt, was ohnehin in uns steckt. Eine Auswertung von rund 2,7 Millionen Beiträgen US-amerikanischer Medien und Abgeordneter auf Facebook und Twitter ergab: Beiträge über die politische Gegenseite wurden etwa doppelt so oft geteilt wie Beiträge über die eigene Seite. Rathje, Van Bavel und van der Linden, 2021 Die Studie zeigt, was die Plattformen belohnen. Sie zeigt nicht, wie sich dadurch Meinungen verändern. Aber sie passt zu dem, was ich beobachte: Empörung und klare Feindbilder verbreiten sich am besten.
Und die Wissenschaft? Ich wünsche mir, dass wir ihr mehr vertrauen. Blind glauben sollen wir ihr nicht, das widerspräche allem, was Wissenschaft ausmacht. Wir sollten verstehen, wie sie arbeitet: Sie prüft, sie streitet und sie korrigiert sich. Deshalb verdient der Stand vieler Forschender mehr Vertrauen als eine einzelne laute Stimme.
Wissenschaft pauschal zu misstrauen und dann einzelne Studien oder Expertinnen und Experten nur zur Bestätigung des eigenen Weltbildes herauszugreifen, passt für mich nicht zusammen. Quellenkritik verlangt, auch die Befunde ernst zu nehmen, die uns nicht gefallen. Das gilt genauso für Studien, die ich selbst gern als Beleg verwenden möchte.
Meine Haltung: Ich sehe viele Menschen, die sich auf eine einzige Quelle verlassen und einfachen Antworten mehr trauen als mühsamen. Gerade deshalb brauchen wir eine Bildung, die Prüfen zur Gewohnheit macht. Denn wer nicht prüfen kann, lässt sich leichter gegen andere aufbringen. Damit sind wir beim zweiten Faden.
Mitgefühl reicht nicht, wenn wir es abschalten
Dieser Faden ist für mich vielleicht der wichtigste. Ich spüre viel Wut in unserer Gesellschaft. Manchmal kann ich sie verstehen. Aber ich spüre auch Hass. Menschen werden zu Gruppen gemacht, Gruppen zu Feinden und Feinde zu Objekten. Und es endet nicht beim Menschen: Auch wie wir mit Tieren und mit der Natur umgehen, zeigt, wie weit unser Mitgefühl reicht.
Eine große Auswertung vieler Studien fand nur einen schwachen Zusammenhang zwischen allgemeiner Empathie und Aggression. Vachon, Lynam und Johnson, 2014 Mitgefühl allein schützt also nicht zuverlässig davor, anderen zu schaden. Der Psychologe Albert Bandura hat beschrieben, was oft dazwischenkommt: Menschen beruhigen ihr Gewissen, indem sie andere abwerten, ihnen selbst die Schuld geben oder sie nicht mehr als vollwertige Menschen sehen. Bandura, 1999
Für mich folgt daraus: Mitgefühl allein genügt nicht. Wir müssen auch die Ausreden erkennen, mit denen wir es abschalten. „Die sind doch selbst schuld.“ „Das sind keine richtigen Menschen.“ „Bei denen ist das etwas anderes.“
Auf Social Media lese ich vereinzelt direkte Aufrufe zu Gewalt gegen Andersdenkende oder zu Selbstjustiz. Häufiger begegnen mir Aussagen, die solche Gewalt rechtfertigen oder nahelegen: „Wir wehren uns nur.“ „Da müsste man mal etwas machen.“ Manchmal wird auch ein angebliches „Widerstandsrecht“ bemüht. Nicht jeder solche Satz ist ein Gewaltaufruf. Aber ich nehme wahr, dass Gewalt gegen Andersdenkende zunehmend als verständlich oder gerechtfertigt dargestellt wird. Das ist meine Wahrnehmung aus den Beiträgen, die ich lese. Für mich zeigen solche Rechtfertigungen, wie das eigene Gewissen beruhigt werden kann, während anderen Mitgefühl entzogen wird.
Auch Forschung in Deutschland gibt Anlass zur Sorge: Beate Küpper und Andreas Zick berichten für die Mitte-Studie 2022/23 von einer gestiegenen Billigung politischer Gewalt. 13 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, einige Politiker hätten es verdient, wenn Wut gegen sie in Gewalt umschlägt. Das belegt nicht, wie sich mein Social-Media-Umfeld oder die Einstellungen seitdem entwickelt haben. Küpper und Zick, 2024
Das Widerstandsrecht im Grundgesetz greift, wenn jemand die verfassungsmäßige Ordnung beseitigen will und andere Abhilfe nicht möglich ist. Es ist keine allgemeine Erlaubnis, Menschen wegen ihrer politischen Meinung anzugreifen. Grundgesetz, Artikel 20 Absatz 4
Wo lernen wir, solche Rechtfertigungen zu erkennen und anderen mit Mitgefühl zu begegnen? Zuerst zu Hause. Ein Kind braucht Zuwendung, Zeit und Liebe, um zu erfahren, wie es ist, gesehen zu werden. Ich glaube, viele Eltern sind heute überfordert. Oft fehlen ihnen schlicht Zeit, Kraft oder Unterstützung. Wenn zu Hause wenig Raum für Zuwendung und Bildung bleibt, kann die Schule das kaum auffangen. Deshalb sollten wir Familien viel stärker unterstützen.
Wo Menschen einander abwerten, wird auch das gemeinsame Entscheiden schwer. Das führt zum dritten Faden.
Die Demokratie reparieren
Ich sehe Ungerechtigkeit in unserer Demokratie, und ich sehe, dass sich Macht bei wenigen sammelt. Trotzdem kenne ich kein besseres System. Ihr großer Vorteil ist für mich, dass wir Regierungen ohne Gewalt abwählen und Fehler offen korrigieren können. Deshalb will ich sie erneuern. Ein Problem dabei: Wir denken in Wahlperioden, die großen Krisen wirken aber über Jahrzehnte.
Manche ziehen aus Ungerechtigkeit und Machtballung den Schluss, ein ganz anderes System müsse her, etwa ein autoritärer Sozialismus oder Kommunismus. Meine Haltung: Das halte ich für ihren größten Denkfehler. Gerechtigkeit überzeugt mich als Ziel. Eine Partei, die niemand abwählen kann, überzeugt mich als Weg nicht. Die Geschichte zeigt, wohin das geführt hat. In der DDR wurden Menschen an der Grenze getötet, weil sie das Land verlassen wollten. bpb: Todesopfer des DDR-Grenzregimes 1968 beendeten Truppen des Warschauer Pakts den Versuch, in der Tschechoslowakei einen freieren Sozialismus aufzubauen. bpb: Prag 1968 Viele, die ein solches System fordern, wollen eine gerechtere Welt. Sie müssen aber erklären, was diesmal Kritik, Opposition und einen friedlichen Machtwechsel schützt. Und wer sich eine autoritäre Führungsperson wünscht, die am Parlament vorbei regiert, macht denselben Fehler von rechts.
Was mir fehlt, sind Parteien und eine Politik, in denen sich wieder große Mehrheiten wiederfinden. Keine Einheitspartei, Demokratie lebt vom Streit. Aber eine starke demokratische Mitte, die Probleme ernst nimmt, bevor Extremisten sie für sich nutzen.
Konservative und linke Positionen gehören zur Demokratie. Sie braucht beide und den Streit zwischen ihnen. Doch je weiter jemand nach außen rückt, desto kleiner wird der Schritt in den Extremismus, oft ohne dass man es selbst merkt. Darauf sollte jeder achten, der sich weit rechts oder weit links sieht.
Meine Haltung: Rechtsextremismus, Linksextremismus und Islamismus sind für mich gemeinsam eine Gefahr für unsere Demokratie. Sie arbeiten mit denselben Mitteln, die ich oben beschrieben habe: Feindbilder, Abwertung und am Ende Gewalt. Und sie schaukeln sich gegenseitig hoch.
Die Zahlen des Bundeskriminalamts für 2025 zeigen, wie viel politisch motivierte Gewalt wir ernst nehmen müssen. Rund die Hälfte aller politisch motivierten Straftaten war rechts motiviert. Auch bei den Gewalttaten lag rechts vorn: 1.598 Fälle, 7 Prozent mehr als im Vorjahr. Links motiviert waren es 1.087, rund ein Drittel weniger, aber 43 Prozent mehr als im Jahr davor. Beides nehme ich ernst: den hohen Stand rechter Gewalt und den schnellen Anstieg linker. Religiös motivierte Gewalttaten waren mit 98 Fällen seltener, aber besonders tödlich: Beide vollendeten politisch motivierten Tötungsdelikte des Jahres rechnete das BKA religiöser Ideologie zu, eines davon stufte es als islamistischen Anschlag ein. BKA: Politisch motivierte Kriminalität, Fallzahlen 2025 Die hohe Zahl rechts motivierter Straftaten und Gewalttaten ist für mich ein wesentlicher Grund, den Rechtsextremismus derzeit für die größte Bedrohung zu halten. Kleinreden dürfen wir keine der drei.
Zur Geschichte gehören auch Morde. Der rechtsextreme „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) verübte eine Mordserie. bpb: Der NSU und rechtsextremistische Gewalt Auch die linksextremistische Rote Armee Fraktion (RAF) ermordete Menschen. bpb: Die Geschichte der RAF Keines dieser extremistischen Lager kann politische Gewalt als bloßes Problem der anderen abtun. Diese Geschichte macht die heutigen Gefahren nicht gleich groß. Wir müssen ihre tatsächliche Gewalt und ihren Einfluss jeweils für sich beurteilen.
Deshalb sage ich es konkret. Parolen wie „Ausländer raus“ oder „Remigration“ treffen auch Menschen, die längst hier zu Hause sind, und machen aus Nachbarn Feinde. Unser Grundgesetz verbietet, jemanden wegen seiner Herkunft oder seines Glaubens zu benachteiligen. Grundgesetz, Artikel 3 Probleme bei der Migration offen anzusprechen und Lösungen zu verlangen, auch Abschiebungen nach Recht und Gesetz, gehört zur Demokratie. Ganze Gruppen abzuwerten, löst kein einziges Problem. Und genauso gilt: Wer Polizisten pauschal zu Feinden erklärt oder Gewalt gegen Andersdenkende rechtfertigt, weil sie angeblich der guten Sache dient, macht ebenfalls Menschen zu Objekten. Und wer einen Gottesstaat über das Grundgesetz stellen will oder Andersgläubige zu Feinden erklärt, tut dasselbe. Islamismus ist eine politische Ideologie, nicht der Glaube der vielen Musliminnen und Muslime, die hier leben.
Eine Demokratie, die sich selbst zerreibt, hat keine Kraft für Krisen, die über ihre Grenzen hinausgehen. Damit sind wir beim letzten Faden.
Kein Land löst das allein
Jetzt wird es groß. Vielleicht zu groß. Aber ich glaube, wir müssen auch so groß denken.
Die Klimakrise ist real. Der Weltklimarat nennt es „eindeutig“, dass der Mensch Atmosphäre, Ozeane und Land erwärmt hat. IPCC, 2021
Gleichzeitig verändert KI unsere Welt in hohem Tempo. Für mich ist sie eine der größten Herausforderungen, vor denen wir stehen, und vielleicht zugleich ein Geschenk. Sie kann missbraucht werden, etwa für Überwachung und Manipulation. Sie kann aber auch helfen, Krankheiten zu verstehen und unsere Lebensgrundlagen zu schützen. Technik und Natur sind für mich deshalb kein Widerspruch, sie gehören zusammen. Ob wir dieses Geschenk missbrauchen oder für etwas Gutes nutzen, liegt an uns.
Und während all das auf uns zukommt, werden Kriege geführt. Ein Angriffskrieg zerstört Menschenleben und Mittel, die wir gemeinsam dringend bräuchten. Wer angegriffen wird, darf sich verteidigen. Doch kein Sieg schützt ein Land vor einer Krise, die keine Grenzen kennt.
Wir brauchen deshalb Frieden und Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Manchmal denke ich noch weiter, bis zu einer Art Weltregierung. Ich spreche das offen aus, aber mit Vorsicht. Eine Macht über alle bräuchte Kontrollen, die es heute nicht gibt. Schon Immanuel Kant hielt einen Weltstaat für gefährlich und setzte stattdessen auf einen Bund freier Staaten. Zum ewigen Frieden, 1795 Vielleicht ist das der klügere Weg: verbindliche gemeinsame Regeln, ohne dass Macht unkontrollierbar wird.
Die Fragen, die ich mir stelle
Glaubt wirklich jemand, dass diese Krisen nicht kommen? Oder dass sie klein bleiben?
Glaubt jemand, dass ein einzelnes Land sie allein löst?
Glaubt jemand, dass wir sie ohne Wissenschaft, Mitgefühl, Technik und KI lösen?
Und glaubt jemand, dass wir das schaffen, während wir uns gegenseitig verachten?
Ich glaube es nicht. Und ich glaube, uns bleibt dafür nicht viel Zeit.
Jeder Faden dieses Knotens beginnt im Kleinen. Wenn dich das nächste Mal ein Beitrag wütend macht, frag kurz: Stimmt das? Wer sagt das? Und wem nützt meine Wut? Wenn du einen Menschen schnell in eine Schublade steckst, frag dich: Was weiß ich eigentlich über diesen Menschen?
Damit ändern wir noch kein Bildungssystem und keine Weltpolitik. Aber ohne Menschen, die so fragen, wird sich beides nicht ändern.
Mit Unterstützung generativer KI erarbeitet. Redaktionelle Verantwortung: Marcus Machon.
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